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Die ältesten Flöten der Welt

Ergänzende Informationen, Bild- und Klangmaterial zum Artikel von Nik Tarasov

Vergleich einer Knochenflöte mit ihrem Nachbau

Zum Titelbild: Eine Flöte aus der Neandertaler-Kultur?

Da sich dem Neandertaler bislang außer Werkzeugen eher selten bis gar keine exakt nachweisbaren kunsthandwerklichen Zeugnisse zuordnen lassen, spricht man ihm eine höhere kulturelle Entwicklung ab. Der 1995 in einer 45 000 Jahre alten Schicht der Höhle Divje Babe 1 in Slowenien gefundene, dreifach gelochte Knochen eines Höhlenbären gibt allerdings viel Anlass zu Spekulationen. Ist dies das Fragment einer Flöte oder ein Tierverbiss? Die Frage bleibt offen, da eindeutige menschliche Bearbeitungsspuren auf dem Objekt nicht eindeutig nachzuweisen sind.
Im Bild links: Das originale Artefakt (Foto: Tomaž Lauko), rechts: Eine Rekonstruktion aus Keramik mit eingekerbter Anblasvorrichtung (slowenisches Nationalmuseum).

Handwerkskultur in der Steinzeit

Anders, als bei jüngeren Fundstücken müssen Objekte aus der Steinzeit fast vollständig für sich sprechen. Lediglich das archäologische Umfeld lässt gewisse Rückschlüsse zu.
Die Aufsehen erregenden Flötenfunde aus der Geißenklösterle-Höhle (Schwäbische Alp) können jedoch in Beziehung zu anderen kunsthandwerklichen Steinzeit-Objekten gebracht werden. Typische Kerbverzierungen finden sich auf all diesen Artefakten.
Die ersten Menschen waren Kulturmenschen“, so Dr. Erwin Keefer, Leiter der archäologischen Abteilung des Württembergischen Landesmuseums. Das unmittelbare Nebeneinander von bildender Kunst und Musik in Funden der Höhlen auf der Schwäbischen Alb spiegelt den Beginn menschlicher Modernität.

Bildnis eines Löwenkopfs aus der Vogelherd Höhle Niederstotzingen

Steinzeitliches Kunsthandwerk

Bildnis eines Löwenkopfs aus der Vogelherd Höhle Niederstotzingen.
Bruchstück einer ehemals größeren Darstellung aus Mammutelfenbein, ca. 35 000 Jahre alt, erhaltene Länge 2,5 cm (Foto: Frankenstein/Zwietasch, Württembergisches Landesmuseum).

Flötenfunde aus der Geißenklösterle-Höhle

Funde aus der Geißenklösterle-Höhle

Bei den jüngsten, sehr sorgfältig durchgeführten Grabungen in der Geißenklösterle-Höhle auf der Schwäbischen Alp tauchten eine Reihe von Gebrauchs- und Kunstgegenständen der Steinzeit auf. Aus Bruchstücken konnten drei Flöteninstrumente zusammengesetzt werden.

Im Bild: Flöte 1, wahrscheinlich aus einem Schwanenknochen gebaut.
Die unmittelbar fehlenden Bruchstücke sind durch mikrokristallines Wachs ergänzt.

Der jüngste Fund: Flöte 3 aus dem Geißenklösterle, aufwändig gebaut aus Mammutelfenbein. Zu sehen sind die passgenau zusammengesetzten Rohrhälften. Gut erkennbar sind die über den Spalt geschnittenen Kerben.
Steinzeit Schneidmesser aus Feuerstein zum Bearbeiten von Fleisch und Knochen

Werkzeuge zur Elfenbeinbearbeitung

Fundstücke bearbeiteter Jura-Feuerstein Stichel aus der Vogelherd-Höhle der Schwäbischen Alb, wo viel Elfenbein bearbeitet wurde.
Mammutelfenbein ließ sich in der Steinzeit wahrscheinlich nur im gewässerten Zustand bearbeiten. Mit speziell stumpfwinkligen Feuersteinen, die dem enormen Arbeitsdruck standhalten müssen, konnte in einem Keilwinkel von 60–90 Grad das Elfenbein hobelartig abgeschabt werden.
Ganz oben im Bild: Teil einer Geschossspitze aus Elfenbein.

Repliken von Steinzeitflöten aus Schwanenknochen

Rekonstruktionen

Die als Schrägflöten zu klassifizierenden steinzeitlichen Flöten stellen in jedem Fall künstlerisch entwickelte Musikinstrumente dar. Heute können wir uns nur mit Nachbauten den musikalischen Möglichkeiten dieser Zeit nähern. Aufgrund der dünnen Wandstärke des Vogelknochens und dem verhältnismäßig großen Innendurchmesser klingen die kleinen Steinzeitinstrumente relativ tief.
Bislang wurde auf Repliken eher mit einfachen Grundgriffen musikalisch experimentiert. Künftige Versuche mit Gabelgriffen dürften den Tonvorrat noch etwas weiter ausbauen. Ferner kann mit unterschiedlicher Lippenspannung und Blasdruck die Tonhöhe bei Schrägflöten mitunter um rund einen Ganzton verändert werden.
Maßstabsgerechte Rekonstruktionen der einzigen komplett erhaltenen Steinzeitflöte aus Isturitz (Frankreich) aus der Elle des Höckerschwans (links) und aus einem neuen, seltenen Bartgeierknochen von Friedrich Seeberger. Lediglich die beim Original ausgebrochenen Grifflöcher wurden verkleinert.

Maßstabsgerechte Rekonstruktionen der einzigen komplett erhaltenen Steinzeitflöte aus Isturitz (Frankreich)

Die Größenverhältnisse: Flötenrekonstruktion aus kleineren Speichenknochen (Schwan), wie sie für Instrumente aus dem Geißenklösterle verwendet wurden. Daneben die Repliken der Isturitz-Flöten aus Ellenknochen (Schwan und Bartgeier). Gebaut von Friedrich Seeberger

Klangdateien: Friedrich Seeberger spielt auf Rekonstruktionen steinzeitlicher Flöten


Geißenklösterle-Flöte 1

Der Steinzeit-Experte Friedrich Seeberger spielt die Tonskala auf einer eigenen Replik der  mit 3 Grifflöchern aus dem Knochen eines Höckerschwans.
Zu hören sind 4 Töne des Grundregisters und 3 überblasene Töne

Geißenklösterle-Flöte 1

Friedrich Seeberger improvisiert auf einer eigenen Replik der Geißenklösterleflöte 1 mit 3 Grifflöchern aus dem Knochen eines Höckerschwans.

Geißenklösterle-Flöte 3

Friedrich Seeberger spielt auf seinem ersten Rekonstruktionsversuch des Instruments aus imprägniertem Holunderholz und mit 3 Grifflöchern.

Isturitz-Flöte

Friedrich Seeberger improvisiert auf einer eigenen Replik der einzigen komplett erhaltenen Steinzeitflöte aus dem französischen Isturitz mit 4 Grifflöchern aus dem Knochen eines Bartgeiers.

(Spielweise jeweils ohne Berücksichtigung möglicher Gabelgriffe)

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